Abfalljäger
Wir setzen uns ein für eine saubere Umwelt

























Auf der Putztour stossen das Duo auf PET-Flaschen, Windeln, Tampons, ungeöffnete Pouletpackungen und vieles mehr


Verrichten Sisyphus-Arbeit: Astrid Sommerhalder und Beat Inäbnit

Coopzeitung NR. 22 vom 28. Mai 2026

Zwei gegen den Müll

Seit sechseinhalb Jhren sind Beat Inäbnit und Astrid Sommerhalder in Basel freiwillig auf Putztour. Mit Greifzange, Abfallwägeli und grosser Beharrlichkeit befreien sie Strassen und Ufer von dem, was andere achtlos wegwerfen. Über 90 Tonnen Müll sind so bereits zusammen gekommen. Was treib die beiden an?

Text Andereas W. Schmid     Foto Heiner H. Schmitt

Das wachsame Auge von Astrid Sommerhalder (70) hat im Gestrüpp des Rheinbordes in Basel eine PET-Flasche erspäht. Doch das Gelände ist steil und die Arme sind zu kurz, um mit der Greifzange an den weggeworfenen Abfall zu kommen. "Die Steigeisen habe ich heute nicht dabei" sagt sie spasseshalber. Die Flasche einfach so liegen zu lassen, würde ihrem Pflichtgefühl wiedersprechen. Aber da ist ja zum Glück noch der Autor dieser Zeilen, der mit einer klar grösseren Reichweite ausgestatter ist. Er findet selbst: Statt nur blöd in der Gegend herumzustehen, könnte er sich nützlich machen und der armen Frau helfen. Zielgenau ergreift er mit der Zange das wiederspenstige Objekt und überreicht es ihr triumpfierend. Astrid Sommerhalder bedankt sich und sagt: "Wenn wir hier fertig sind, ist das Bord sauber. Aber würden wir morgen zurückkehren, hätte es wieder überall Abfall"
Ihr Lebenspartner Beat Inäbnit (75) nennt es eine "Sisyphus-Arbeit", was die beiden ehemaligen Krankenpflegekräfte täglich tun. Seit sechseinhalb Jahren sammeln sie in Basel Abfall. Zwar ist auch die Stadtreinigung pausenlos im Einsatz, deswegen geht den beiden die Arbeit jedoch nicht aus. Davon zeugen die gesammelte Menge, über die sie genau Buch führen. Bis jetzt hätten sie über 90 Tonnen Abfall zusammen getragen und allein zwischen Juli und Ende Dezember letzen Jahres 171'000 Zigarettenstumel von Boden aufgelesen. "Dabei muss man wissen", sagt Beat Inäbnit, "dass eine einzelne Kippe 1000 Liter Wasser verunreinigen kann".

Ein Herzinfarkt änderte alles
Es ist ein Thema, das im wortwörtlich am Herzen liegt. Jahrelang rauchte er Kette, im Durchschnitt drei Päckchen pro Tag. "Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen" räumt er heute freimütig ein. Und tatsächlich: 2017 kam er wegen Herzrasens ins Spital und erlitt auf der Intensivstation einen Herzinfarkt. Es folgte eine lange Reha. "Ohne Astrid hätte ich aufgegeben", sagt er. Der Professor im Spital insistierte, er müsse pro Tag mindestens 10 000 Schritte gehen. Auf den gemeinsamen Spaziergängen ärgerte sie der viele Abfall. "Also fingen wir an, ihn einzusammeln", erinnerte sich Astrid Sommerhalder. "Eines Abends", ergänzte er, "beschlossen wir: Ab Morgen machen wir es richtig!"
Sie meldeten sich bei der Stadtreinigung un Basel. Diese stattete das Duo mit Abfallwägeli, Greifzange und dicken Handschuhen aus, auch die Abfallsäcke erhalten sie seitdem gratis. Nur die auffälligen Jacken mussten sie selbst berappen. Auf ihnen prangt der Schriftzug des "Prix Aschapo". Dieser Preis, der sich vom französwchischen "Chapeau!" - zu deutsch "Hut ab!" - ableitet, zeichnet freiwilliges Engagement aus. 2024 belohnte sie die Stadt Basel mit dieser Ehre und dem Preisgeld von 1000 Franken. "Das war eine grosse Freude", sagen beide unisono.
Überhaupt haben die meisten Menschen Freude an ihrem ehrenamtlichen Tun. "Es kommt vor, dass uns jemand etwas zusteckt, für einen Kaffe oder ein Mineralwasser". Wenn sie jemanden jedoch direkt auf den Abfall ansprechen, den er verursacht, kommt das nicht nur gut an. Dann heisst es schnell einmal: "Halt dSchnurre!". Und einer, der vor Beat Inäbnits Augen eine Zigarettenstummel auf den Boden geworfen hatte, drohte ihm: "Morgen bist du tot!" Dabei hatte der Abfallsammler ihn blos darauf aufmerksam gemacht, dass zwei Meter von ihm entfernt ein Kehrichtkübel steht. 

Manchmal gehen sie "nur" auf Präventionstour. Dann stellen sie sich mit einer Infotafel an die Hotspots des Abfalls. Daurauf ist zu lesen, dass nur jede vierte Zigarettenkippe korrekt entsorgt wird. Oder dass es 10 bis 15 Jahre dauert, bis sich so ein Stummel zersetzt und Mikroplastik übrig bleibt. "Auf dieser Tour erleben wir immer wieder, dass ein Raucher oder eine Raucherin das liest und die Zigarette mit grosser geste in den richtigen Abfalleimer wirft".

Das freut die beiden natürlich. Denn sonst gibt es genügend Gründe, sich zu ärgern. Etwa, wenn sie auf Unappetitliches stossen. "Verschissene Windeln", sagt Beat Inäbnit., "oder volle Pariser oder blutige Tampons" Astrid Sommerhalder ergänzt, dass die Leute neuerdings die in Mode gekommenen Einweggrills einfach liegen lassen. "Und passend dazu habe ich auch schon ein Kilo Pouletfleisch gefunden, alles noch schön eingepackt war".
Schliesslich verabschieden sich die beden den. Zu Hause bringen sie die Statistik auf den neusten Stand. Beat Inäbnit schreibe per Whatsapp: "Wir haben dann noch einiges "erklämmertet", und zwar "180 liter Müll und 1800 Zigistummel"














Text von Franz Baur


Beat Inäbnit, Astrid Sommerhalder

52. schappo Preisträgerinnen und Preisträger vom 2. Mai 2024
Eine Bananenschale fliegt in den Vorgarten. Warum? Die Zigarette achtlos weggeworfen. Geht’s nicht anders? Den Kaugummi auf dem Trottoir entsorgt. Keine Kinderstube? Für Astrid und Beat ist es unverständlich, dass derart viel Abfall gedanken- und rücksichtslos auf der Strasse oder in Grünzonen landet. Die meisten schauen zu und ärgern sich. Nicht so die «Abfalljäger»: Sie haben sich vor fünf Jahren entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sie sammeln und entsorgen den Müll von anderen. Jeden Tag auf einer anderen Route. Immer an der frischen Luft und bei (fast) jedem Wetter.
Häufig sind sie zu zweit unterwegs. Sie freuen sich aber immer, wenn sie von Gleichgesinnten begleitet werden. Ausgerüstet mit Wägeli, (an jedem Sammeltag kommen bis zu 100 kg Abfall zusammen), Handschuhen, Weste und Greifzange helfen sie mit, unsere Stadt zu reinigen.
Über die Jahre haben Astrid und Beat eine Abfalljäger Community aufgebaut. Kommuniziert und zum Putzen aufgerufen wird mit WhatsApp oder Facebook. So organisieren sich auch immer wieder spontan kleine Reinigungstrüppli. Mitmachen macht Freude. «Mit unserem Engagement wollen wir die Menschen sensibilisieren und appellieren an ihre Eigenverantwortung», meinen Beat und Astrid. Sie wünschen sich nichts mehr, als dass jede und jeder seinen eigenen kleinen Beitrag für weniger Dreck auf unseren Strassen leistet.













Expertenmeinung "Die «Abfalljäger» sammeln ein, was andere liegen lassen."
Zigaretten, Taschentücher, PET-Flaschen, Kaugummis, Essensreste und vieles mehr verdrecken Strassen, Trottoirs und Vorgärten. Unverständlich für die meisten von uns. Ein grosses Ärgernis für Astrid Sommerhalder und Beat Inäbnit.
Die beiden Pensionierten sind jeden Tag an der frischen Luft und machen ausgiebige Spaziergänge – bis ihnen der Kragen platzt. Sie beschliessen, Müll und Dreck zu sammeln und zu entsorgen. Inzwischen sind sie seit fünf Jahren unterwegs und fast schon profimässig ausgerüstet: Warnweste, Handschuhe, Wägeli, Greifzange und eine wärmende Jacke gehören zum Outfit. Das Resultat ist noch eindrücklicher: Über 65 Tonnen Abfall haben die beiden bis heute gesammelt ( Stand Frühling 2024 ). Mittlerweile sind es über 80 Tonnen Abfall !
Das ist freiwilliges Engagement in Reinkultur. Mit dem täglichen Einsatz leisten die «Abfalljäger» einen wertvollen Beitrag für eine saubere Stadt. Es ist eine Freude, nicht nur für das Auge, sondern auch für Tiere und Pflanzen, die unter den teilweise toxischen Abfällen besonders leiden. Dieses unermüdliche, unentgeltliche Engagement hat Vorbildcharakter und verdient unseren Dank. Unsere Anerkennung bringen wir mit dem «Prix schappo» zum Ausdruck.
Dr. Stefan Güntert, Mitglied der schappo Expertenkommission